Die „Dämonen“ und Stinkenbrunn

1957 erschien der Roman „Die Dämonen“ von Heimito von Doderer. 1959 wurde Stinkenbrunn in Steinbrunn umbenannt. Die beiden Ereignisse sind auf bemerkenswerte Weise miteinander verbunden.

„Die Dämonen“ spielt in den Jahren 1926 und 1927 und behandelt mit vielen Handlungssträngen, Figuren und Schicksalen die Situation in Österreich vor dem Brand des Justizpalastes im Jahr 1927. Heimito von Doderer hat den Roman schon vor dem zweiten Weltkrieg begonnen, ihn aber erst nach Kriegsende fertiggestellt. In der Taschenbuchausgabe umfasst das Werk mächtige 1.345 Seiten (7. Auflage, dtv; die Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe).

Der Roman war für Doderer selbst sein Hauptwerk, die heute viel bekanntere „Strudlhofstiege“ nur eine literarische „Rampe“ für die Geschehnisse in den „Dämonen“.

Das dritte Kapitel „Im Osten“ (ab Seite 540) im Roman spielt auf den ersten Seiten in Stinkenbrunn. Leonhard, eine der Hauptpersonen, fährt mit seinem Arbeitskollegen Nikolaus Zdarsa mit dem Motorrad am Wochenende von Wien zu dessen Verwandten ins burgenländische Stinkenbrunn. Doderer stellt nicht ein fiktives Stinkenbrunn vor, sondern bezieht sich auf das reale Vorbild im Burgenland.

Warum wählt Doderer ausgerechnet Stinkenbrunn? Natürlich wegen des „stinkenden“ Namens und der Lage in Bezug auf Schattendorf, wo jenes Attentat stattfand, dessen Prozess schließlich zum Brand des Justizpalastes führte. Das wird nicht nur klar, wenn man den Text liest, auch in der Literaturwissenschaft dient Stinkenbrunn hier als Beispiel für eine Geruchssymbolik (siehe etwa Gerhard Sommer: „Gassen und Landschaften: Heimito von Doderers „Dämonen“ vom Zentrum und vom Rande aus betrachtet“, 2004, 261).

Doderer hat die geographischen Gegebenheiten in Steinbrunn/Stinkenbrunn gut recherchiert (Seite 543): Die „geschlossene Dorfzeile“, die hügelige Umgebung („Es gibt Erhebungen bis zu 270 m über dem Meer“) und den „sogenannten Hartlwald“.

Die Einwohner von Stinkenbrunn kommen nicht gut weg und dienen Doderer als Beispiel für entwurzelte Menschen, „kleine, halbbäuerliche Leute“. Diesem Menschenschlag in Stinkenbrunn, „wenn er nicht mehr den Acker bestellt, und jetzt in geschlossener Straßenzeile zwischen städtischem Hausrate wohnt, kommt leicht ein merklicher Grad von Unappetitlichkeit zu“. Es wird der „Stinkenbrunner“ (Wein) getrunken, der eine „außerhalb des Burgenlandes wenig notable Marke“ darstellt (Seite 540). Der in Stinkenbrunn lebende „Pinta“, ein Schwager von Nikolaus Zdarska, wird als Faschist bezeichnet ( Seite 559). Nikolaus Zdarskas Vater, ein Stinkenbrunner, geht zwar aus Angst vor einer Räterepublik wie in Ungarn zu Kundgebungen der Sozialisten (unter anderem nach Hirm), ist aber politisch erschreckend ahnungslos (Seite 550).

Heimito von Doderer ist einer der bekanntesten österreichischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er konstruierte seine Romane bis ins letzte Detail, davon zeugen die vielen Skizzen für Abläufe, Namen und Personen, die heute noch im Nachlass vorhanden sind. Beim Erscheinen von „Die Dämonen“ 1957 wurde der Roman natürlich ausführlich rezensiert und diskutiert.

Man darf annehmen, dass die wenig schmeichelhafte Behandlung der Ortschaft im Roman – nur weil vielleicht der Name als Symbol für die politische Entwicklungen in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts für Doderer passend erschien – sich bis nach Stinkenbrunn herumgesprochen hat.

Ein Grund mehr, den Ortsnamen zwei Jahre später zu ändern.

Übrigens: Auch andere burgenländische Orte haben ihren Ortsnamen im 20. Jahrhundert geändert. Aus „Stöttern“ wurde Stöttera, aus „Trauersdorf“ Trausdorf.

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