1847: Das Elend einer Bergknappen-Familie

Eine Art Sozialreportage aus dem 1847, die viel über das Elend im Steinbrunner/Stinkenbrunner Braunkohlewerk aussagt. Ein Reporter aus Wien beschreibt ein Begräbnis eines Bergknappen in Steinbrunn und ruft zu Spenden aus. Hier der genaue Wortlaut seines Artikels.

Im Jahr 1847 wurde der Bergbau in Steinbrunn noch unter Tag geführt, die Schächte reichten mehrere hundert Meter in die Tiefe.

Beachtenswert ist bei diesem Artikel, der im Feuilleton-Teil des „Österreichischen Morgenblatt“ erschien, wie sehr auf die soziale Lage der Bergarbeiter und ihrer Familien eingegangen wird. Die Verarmung und Ausbeutung weiter Teile der Bevölkerung war ein Grund für den Ausbruch der Revolution von 1848.

Weiters wird dargestellt, wie früher ein Begräbnis in Steinbrunn ablief. Und es wird klar, wie stark der Zugzug, aber auch die Integration von Bergleuten aus anderen Teilen der Monarchie (hier Böhmen) das ursprüngliche Bauerndorf Stinkenbrunn veränderte.

Die dramatisierte Schilderung und Sprache in dem Artikel ist wohl dem Umstand geschuldet, dass der Autor von den Wiener Lesern Spenden lukrieren wollte.

 

Tagsergebnisse.
(Leichenbegängniß eines Bergmannes)

Noch sind die Gräber mit frischen Blumen geschmückt, und auf den rohgezimmerten Kreuzen der beraseten Hügel flattert im ungewohnt milden Novemberluftzuge hin und wieder ein grüner Kranz oder ein dunkler Flor von dem gestrigen Nachmittagsgottesdienste oder der heute Morgen gehaltenen traurigen Feierlichkeit, mit der die frommen Katholiken am Tage Allerheiligen und Allerseelen die Gräber der Abgeschiedenen besuchen, und den Verlorenen Thränen der Rührung, der Dankbarkeit oder unheilbaren Schmerzens niederlenken wie den Thau einer endlosen Sturmesnacht. Neben den mit Rasen überzogenen oder mit kindlicher Sorgfalt oder sonst irdischer Liebe geputzten Gräbern gähnt eine neue frisch aufgeworfene Grube den Besucher des Ortes ewiger Ruhe finster und mahnend an, und harret des angekündigten Bewohners, ihn als nimmer erwachenden Schläfer einzuschließen in die erbarmungslosen Arme, und zu decken mit der Decke der mütterlichen Erde, durch die kein Schmerzenslaut mehr nach oben dringt, und durch die auch keiner Witwe Thräne, keiner Waise Geschrei nach unten dringt, den müden Schläfer in der ewigen Ruhe zu stören.

Die Glocken des Thurmes verkünden den nahenden Trauerzug. Voran Schuljugend, leichtsinniges Völklein, dem jedes Leichenbegängniß einen Ferientag bringt, dann das schwarze Kreuz von einem Buben im Chorrocke getragen, den ein zweiter mit dem Rauchfasse begleitet, und der Pfarrer des Ortes, dann 6 bis 7 Bergknappen in ihrer schönsten Galauniform mit Gürtel und Bergleder, dann der Sarg, getragen von sechs Bergleuten eben so stattlich gekleidet. Auf dem Sarge steht die verloschene Grubenlampe, die dem Schläfer da drinnen täglich zur schweren Arbeit geleuchtet – und nun für ihn und die Seinen verloschen ist auf ewig, – und dabei Eisen und Schlägel, mit dem er sich und den Seinen das tägliche Brot erwarb, in den dunklen Steinkohlengruben, und die jetzt in andere Hände übergehen und nicht mehr für die Seinen geschwungen werden.

Hinter dem Sarge aber schwankt die Witwe, ein blasses, kränkliches Weib – das jüngste Kind mit 5 Jahren auf den müden Armen tragend, und mit der Mutter schluchzt und weint die arme Kleine, dürftig bekleidet von einem dünnen Fähnchen und barfuß; an der Mutter Hand läuft noch ein barfüßiges dürftig bekleidetes Mädchen mit 8 Jahren, vor ihr das älteste der Kinder, ein 11jähriges Mädchen, arm aber rein gekleidet, und Witwe und Waisen weinen und schreien in herzzerschneidenden Tönen, um den Vater, den Ernährer! „O mein guter, guter Vater!“ ruft die Älteste von Thränen erstickt, „du warst immer so gut, so freundlich mit uns, hat uns alle so lieb gehabt – hast so fleißig von Tag zu Tag und Nacht zu Nacht gearbeitet und um deinen redlich verdienten Lohn uns Brot und Alles gegeben, daß wir leben konnten, und nun sollen wir dich nimmer sehen!« Thränen und Schluchzen machen jedes weitere Wort undeutlich; die Witwe aber weint und schluchzt fort und kann dem unsäglichen Schmerze keine Worte geben.

Den Zug schließen Bergbaubeamte und Knappen und mehrere Bewohner des Dorfes. Und als nach dem letzten „Requiscat in pace“ der Sarg niedersinkt in das Grab und Erdschollen hineindröhen, da bricht vollends der Mutter und des ältesten Töchterleins Herz und die Kleinen weinen und schreien noch ärger, weil sie Mutter und Schwester trostlos sehen. Kein Auge bleibt ganz trocken, und die Cameraden rufen ihm das letzte „ein ewiges Glück auf!“ nach in die Grube, die letzte die zu befahren im menschlichen Dasein, und warfen die Schollen, die ihm leicht sein sollen, mit Thränen im Auge nach.

Zeuge eines solchen – ein Zeuge dieses Leichenbegängnisses war Schreiber dieses heute auf dem Kirchhofe zu Stinkenbrunn, Odenburger Comitat, Herrschaft Hornstein. Der Begrabene war ein treuer Gatte, liebender Vater, fleißiger Hauer in dem Steinkohlenbaue bei Zillingthal. Seiner geschwächten Kräfte halber mußte er auf einige Zeit das Brechen der Kohle einstellen, und diente eine Schichte beim Füllen der Kübel als Anschläger ein. In der Nacht vom 30.–31. Oct. stürzte durch das Anstreifen eines Kübels an die Wand des Schachtes ein Stück Kohle zurück und verwundete den unglücklichen Familienvater, zwar wenig äußerlich bemerkbar, aber so nachdrücklich, daß er nach qualvollen 12 Stunden seinen Geist aufgab.

Die Noth- und Fehljahre hatten den Armen sammt seiner Familie von Böhmen vertrieben, hier fand er ein Asyl für seinen Fleiß gegen Hunger und Noth – und haute sein Grab. Arm und verlassen ringen drei hilflose Waisen und ein bis zum Tod betrübtes kränkliches Weib – in der Ferne getrennt von Heimat und Verwandten, die Hände über dem Grabe des Vaters und Verzweiflung müßte ihr Loos sein, wenn es nicht noch Menschenherzen gäbe. Für die ersten Tage des Elendes reichen die freiwilligen Gaben der wackeren Knappschaft wohl hin, aber der Weg zur Heimat ist so weit und so rauh für barfüßige Kinder, und der Bettelstab so schwer für so zarte Hände, und der Winter so lang und so kalt und so spendenarm für hungrige, obdachlose Waisen, denn die Kost und die Miethe der kleinen Wohnung hört mit dem letzten Kreuzer des noch rückständigen Verdienstes des Erschlagenen und mit der letzten Gabe der Knappschaft auf, – und die noch selbst arme Bruderlade kann keine mächtigere Unterstützung geben.

Berichterstatter dieses im, „österr. Morgenblatte“, Dank sei es dem menschenfreundlichen Zugeständnisse des Hrn. Redacteurs Dr. Joh. N. Vogl, einige Male für wahrhaft Unglückliche zu bitten gewagt, und seine Bitte haben den Segen stiller Wohlthaten getragen. Wieder tritt er als Bittender auf und bittet für ein armes Weib, für drei noch ärmere Waisen. Auch diesmal hofft er, seine Worte werden nicht auf dürre Felsen fallen, sondern auf die segenspendenden Herzen seiner lieben Landsleute, der immer gern helfenden Wiener.

In freundlichen Cirkeln, kleine Gaben gesammelt, machen ja Spielmarken und Kreuzer bald eine Banknote aus. Der hochwürdige Herr Pfarrer Math. Pallesich zu Stinkenbrunn, der seine Briefe über Großhöflein bei Eisenstadt erhält, hat es dem Bitten den heute am Grabe des Verunglückten freundlichst zugesagt, die Sammlung für die unglückliche Familie zu übernehmen. Glück auf! also meine Herren und Damen wieder eine Gelegenheit, mit winzig kleinem Opfer große Wohlthat zu üben.
Glück auf meiner Bitte ! ! ! F. B.

Quelle: Österreichisches Morgenblatt ; Zeitschrift für Vaterland, Natur und Leben – 18471106 – Seite 2f. http://anno.onb.ac.at/info/osm_info.htm

Die Angelegenheit war mit der Veröffentlichung des Artikels natürlich nicht abgeschlossen. Im Dezember 1847 erschien im „Morgenblatt“ folgender Dankes-Artikel, der auch den Namen der Witwe nennt:

Oeffentlicher Dank.
Der Gefertigte findet sich hiermit verpflichtet im Namen der Bergmanns – Witwe Barbara Klein und ihrer drei unmündigen Waisen den edlen Menschenfreunden, welche auf die Aufforderung im „österr. Morgenblatt“ Nr. 133, Seite 530–531 sich ihrer Noth erbarmend milde Beiträge einschickten, den tiefempfundenen ehrerbietigsten Dank abzustatten. Eingekommen sind unter der Adresse an den hochwürdigen Herrn Matthäus Pallesich zu Stinkenbrunn:

  • Von Herrn Joh. Riedl in Wien . . . 10 fl. – kr, C. M.
  • Von Herrn Carl Felfer in Wien gesammelt von einer täglichen Tischgesellschaft im Gasthause zur „Stadt Belgrad“ in der Josephstadt . . . . .10 fl. – kr, C. M
  • Von einem Ungenannten mit der schönen Devise „Möge Gott diesen kleinen Beitrag durch eine Allmacht vervielfältigen ! . . . . . . . . .5 fl. – kr, C. M
  • Durch eine in den Kanzleien in Eisenstadt veranstaltete Sammlung . . . . . . . . . – 11 fl 10 kr
  • Von mehreren anderen Menschenfreunden in Eisenstadt – – – – – – – – – – – – – – 3 fl 51 krZusammen 40 fl. 1 kr. C. M.

Mit Thränen der Rührung und des Dankes in den Augen sprach die tief bewegte arme Witwe bei Empfang dieser Beträge: „Gott mag es den Wohlthätern lohnen und vergelten!“ Glück auf! dem „Morgenblatte« und seinem menschenfreundlichen Redacteur! Glück auf! und noch einmal vielen Dank den edlen Gebern, sie haben eine arme Familie von den Schrecknissen eines langen Winters befreit. – Glück auf! der wackeren Knappschaft, die am Löhnungstage nach dem Leichenbegängniß ihres verunglückten Cameraden von ihrem Geding und Löhnung 11 fl. 20 kr. C. M. der Witwe sammelten; Dank den ungenannt bleiben wollenden Frauen und 10 fl 5 kr. Herren, die in den ersten Tagen der Noth die Hungerigen speisten, die Dürftigen kleideten, die ihnen Brot, Mehl und andere Viktualien – und den Kleinen Strümpfe, Schuhe und sonstige warme Kleider für den Winter gaben. Ja, diese schöne Welt hat noch immer edle Menschen, schöne Seelen, und an der Nächstenliebe zweifeln hieße an Gottes Barmherzigkeit irrgläubig werden! Glück auf! Glück auf! Ferd. B.

Quelle: Österreichisches Morgenblatt ; Zeitschrift für Vaterland, Natur und Leben – 18471218 – Seite 4

 

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Ein Gedanke zu „1847: Das Elend einer Bergknappen-Familie

  1. ein sehr interessanter beitrag bei dem mich vor allem auch die althochdeutsche ausdrucks- und schreibweise fasziniert. erinnert mich irgendwie an den orientalische raum, wo heute noch sehr ausschweifend, blumig und dramatisch gesprochen und auch geschrieben wird.
    interessant auch die details: namen, orte und die verbindung und zugehörigkeit dieser.
    danke für die info
    g.w.

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